|
Frau Häsler, was hat die Schweiz am meisten nötig?
|
|
Christine Häsler: Die Kraft der Solidarität. Wir müssen aufpassen, dass nicht nur jene etwas bekommen, die am lautesten schreien. Auch Menschen, die sich nicht so gut wehren und für ihre Interessen einstehen können, gehören zu diesem Land.
|
|
|
Das klingt nach altehrwürdigen Idealen…
|
|
Ja genau! Pestalozzi hat es sehr gut auf den Punkt gebracht: «Dass es dem ganzen Volk gut geht und dass wir seine Angelegenheiten in Treue und mit aller Sorgfalt behandeln, das ist der eigentliche Zweck der Freiheit!» Genau darum geht es.
|
|
|
Der Einzelne dürfte allerdings nur geringe Möglichkeiten haben, in dieser Richtung zu wirken. Wie setzen Sie Pestalozzis Anspruch in Ihrem eigenen Leben und Wirkungsfeld um?
|
|
Indem ich mich für Leute einsetze, die sich nicht selber vertreten können. Zum Beispiel für Menschen mit geistiger Behinderung, die Vertretung von Menschen mit Behinderung ist beruflich wie politisch Kern meines Handelns
|
|
|
Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen?
|
|
Seinerzeit entschloss ich mich, neben unseren eigenen drei Kindern auch einem behinderten Kind ein Zuhause zu geben. Unsere Adoptivtochter ist heute 21-jährig. Geistig ist sie auf dem Stand eines dreijährigen Kinds. Ich habe am eigenen Leib erfahren, welche Anforderung es bedeutet, ein behindertes Kind aufzuziehen. Ich durfte aber auch erleben, was für ein Geschenk dies gleichzeitig sein kann. Diese Erfahrung hat mich geprägt.
|
|
|
Während des Kriegs in Ex-Jugoslawien sind Sie mehrmals nach Kroatien und Bosnien gereist. Warum?
|
|
Es hat mir enorm zugesetzt, dass in Europa, nur wenig entfernt von uns, ein solcher Krieg tobt. Ich war damals Präsidentin des Asylforums Interlaken und bin dort hingefahren, um vor Ort abzuklären, was die Leute brauchen, und um ihnen Hilfsgüter zu bringen.
|
|
|
Es hat mir enorm zugesetzt, dass in Europa, nur wenig entfernt von uns, ein solcher Krieg tobt. Ich war damals Präsidentin des Asylforums Interlaken und bin dort hingefahren, um vor Ort abzuklären, was die Leute brauchen, und um ihnen Hilfsgüter zu bringen.
|
|
Nach dem Punkt ist es für mich nicht fertig. Wir dürfen nicht einfach alles akzeptieren. Ich finde, der Mensch sollte immer wieder versuchen, dazu beizutragen, dass es auch anderen besser geht.
|
|
|
In letzter Konsequenz würde dies bedeuten, dass die Schweiz ihre Grenzen für alle öffnet, die in weniger glücklichen Verhältnissen leben als wir.
|
|
Nein – wir können nicht alle aufnehmen, die unterwegs sind und ihr Daheim verloren haben. Aber wir können hinsehen und versuchen, Zusammenhänge zu erkennen. Für mich ist klar: Ein System, das den einen Menschen Rohstoffe wegnimmt und sie den anderen günstig zuführt, kann langfristig nicht funktionieren. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich dafür einsetze, dass unser Staat international solidarisch ist und sich für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit engagiert.
|
|
|
Anstand und Politik – verträgt sich das gut?
|
|
In der Politik geht man gerne davon aus, die «Anderen» hätten Unrecht. Das finde ich unanständig. Ich habe Respekt vor anderen und gehe davon aus, dass sie mit gleicher Ernsthaftigkeit an ein Sachproblem herangehen wie ich. Die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg ist mir ein Anliegen, seit ich mich politisch engagiere. Politik besteht für mich darin, dass man aufeinander eingeht, um gemeinsam zukunftsfähige Lösungen zu erarbeiten.
|
|
|
Nimmt die Freude an grobem Umgang und Besserwisserei in der Politik nicht eher zu?
|
|
Das mag für einen Teil der Öffentlichkeit zutreffen. Doch insgesamt erwartet die Bevölkerung kein Hickhack, sondern Lösungen.
|
|
|
Zu welchen Lösungen konnten Sie in Ihrer bisherigen politischen Arbeit beitragen?
|
|
Ich konnte verhindern, dass im Kanton Bern Sparmassnahmen auf Kosten Behinderter vorgenommen werden. Ferner konnte ich erreichen, dass sich der Kanton mit der Geschichte der Verdingkinder auseinandersetzt. Und es ist mir gelungen, den Anstoss zur Schaffung eines kantonalen Prostitutionsgesetzes zu geben. Das stille Gewerbe wird heute zwar geduldet, aber noch immer geächtet – zu Lasten der Menschen, die dort arbeiten. Das neue Gesetz wird sie vor Missbrauch und Menschenhandel schützen.
|
|
|
Auf welchen Gebieten streben Sie künftige Lösungen an?
|
|
Meine politischen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Umwelt und Soziales. Es ist mir sehr wichtig, dass wir unsere gut funktionierenden sozialen Netze sichern und erhalten können. Bei AHV und IV warten grosse Aufgaben auf uns. Die zweite zentrale Herausforderung sehe ich in der Klimapolitik. Wir müssen die CO2-Belastung reduzieren und auf eine ressourcenorientierte Wirtschaft umstellen. Indem wir vermehrt auf erneuerbare Energiequellen und auf effizientere Energieverwendung setzen, werden wir auch unserer Verantwortung für kommende Generationen gerecht.
|